Die fünfzehnte Woche - auf den letzten Metern wieder was eingefangen
Erneut mache ich mich am Montag Morgen auf den (etwas längeren) Weg, diesmal 25 km. Es klappt prima, allerdings bin ich auch nicht gerade mit Sieben-Meilen-Stiefeln unterwegs (Tempo 6'25").
Am Mittwoch läuft meine Gruppe nach gewohnt tapferen Krafttraining 12,7 km in einem Schnitt von 5'55" und ich mit. Entsprechend komme ich an der Halle an: fertig aber glücklich.
Samstag ist es dann so weit: der erste 3-Stunden-Lauf steht auf dem Plan. Vorsichtshalber stelle ich mir den Wecker laut und entferne ihn weit genug vom Bett, um ihn nicht im Halbschlaf auszumachen und mich wieder umdrehen zu können. Wie zu erwarten war, steht daher meine gesamte Familie um 7:00 Uhr stramm. Aber der frühe Vogel fängt ja bekanntlich den frühen Wurm. Da ich keine Gnade mehr kenne, schließe ich mich der 6'00"er Gruppe an. Es geht besser als erwartet. Zu Beginn aufkommender Sprühregen ist sogar ganz angenehm. Hauptsache es schüttet nicht. Die letzten sieben Kilometer sind hart. Ich entschließe mich, mein eigenes Tempo zu laufen. Erstaunlicherweise laufe ich damit wieder an die Gruppe ran, nachdem ich sie zunächst habe ziehen lassen. Total begeistert bin ich, als Werner fünf Kilometer vor dem Ziel an seinem Wagen mit geöffneter Kofferraumklappe steht und mit Plastikbechern winkt. Und tatsächlich macht Frank auch keine Anstalten, diesem zusätzlichen Getränkeangebot aus dem Weg zu gehen. Die angebotene Schorle ist die beste, die ich je getrunken habe! Die bringt mich jetzt noch nach Hause, da bin ich mir sicher. Schließlich bin ich 29,5 km im Schnitt 6'04" gelaufen und mächtig stolz.
Scheinbar unverwundbar sitze ich am Sonntag vier Stunden in der praktisch tiefgekühlten Bar des Hotels Mercure in Böblingen und friere wie ein Schneider. Schon auf der Rückfahrt ahne ich nichts Gutes. Am frühen Abend lege ich mich mit Fieber und Kopfschmerzen ins Bett. Das kann doch alles nicht wahr sein!
Die sechzehnte Woche - 25km-Lauf in Bellheim
Am Montag ging gar nichts. In einem Telefonat mit meiner Ärztin, die der Homöopathie-Fraktion angehört, bekam ich den Rat, fünf Kügelchen Knollenhahnenfuß (Ranunculus bulbosa) in einem Glas Wasser aufzulösen und zweistündlich ein Schlückchen davon zu trinken. Hm, ich hätte ja lieber ein Antibiotikum bekommen, so eins mit den fiesen großen Tabletten, bei dem schon die Einnahme schmerzt. Aber folgsam wie ich bin und da ich ohnehin nix zu verlieren habe, trinke ich mein angereichertes Wässerchen in kleinen Schlucken. Das Wunder kommt postwendend: am Dienstag schnüre ich mir bereits wieder meine Laufschuhe. Ob's schlau ist, will ich nicht diskutieren, eventuelle Skrupel spüle ich mit meinem weiteren Schluck aus dem Glas mit den aufgelösten Kügelchen runter.
Am Mittwoch renne ich wie noch nie, nämlich 13 km im Tempo 5'37", was möglicherweise auch zum Teil an meinen neuen, schnellen Schuhen liegt. Die langsame Einheit am Donnerstag Morgen tut schon ein Bissel weh aber gibt mir hoffentlich den letzten Schliff vor dem Start in Bellheim am Samstag.
Dann ist es soweit. Den ganzen Tag läuft alles mit den Kindern wunderbar harmonisch, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich ratlos vor der Kommode stehe und mir überlege, was ich anziehen soll. Der Lauf beginnt um 19:30 Uhr und wer so läuft wie ich, der kommt in der Nacht an. Da ich schnell friere (und das durchaus auch unterwegs) und es überhaupt nicht leiden kann, kühle Schultern zu haben, entscheide ich mich für mein "Regenshirt", ein T-Shirt aus Kunstfasern, das ich schon für meine Aufstiege auf den Merapi genutzt habe. In Bellheim spricht mich Reinhard sofort auf mein Shirt an: "Hast du nix Dünneres anzuziehen?" Tja, nun isses zu spät. Am Start brennt mir die Sonne auf den Rücken und ich fürchte, Reinhards Einwand war richtig. Dann geht's los. Der erste Kilometer mit Marcus ist mir zu langsam, also bewege ich mich langsam davon und pendele mich bei einem Schnitt von 5'30" ein. Ab km 9 merke ich, dass ich langsamer werde, kann mich aber nicht so recht von meinem Vordermann trennen. Inzwischen kommen Kirsten und Pamela mit Marcus von hinten heran und ich beiße mich an ihnen fest. Auf den nächsten sieben Kilometern durchlebe ich so ziemlich jedes Gefühl, mal stehe ich kurz vorm Seitenstechen, mal denke ich, wir sind zu langsam und mal bin ich überrascht, wenn schon wieder ein Kilometer um ist. Als die Sonne versinkt, bin ich froh, das etwas wärmere Shirt angezogen zu haben, denn mir kriecht ein Ansatz von Gänsehaut über die Arme. Wir sind etwas langsamer als die angestrebten 5'30" aber ich merke, dass ich nicht wirklich schneller rennen sollte. Bei km 21 meint Kirsten: "Jetzt haben wir's gleich geschafft", während mein Kopf eher dazu tendiert, aufzugeben. Vollkommen normal für mich, kurz vor'm Ende wäre hinschmeißen eine tolle Alternative. Ich halte mich mit Psalm 23 über Wasser. Zwischen km 22 und km 23 reißen Pam und Kirsten aus und ich lasse sie ziehen. Auf Marcus Bemerkung: "Ja, die sind fit, die zwei" kann ich nicht mal mehr antworten. Irgendwann sammeln wir Kirsten wieder ein. Ich rappele mich wieder auf. An km 24 wird "The final countdown" gespielt. Das und der Jubel der Zuschauer beflügeln mich. Ich werde immer schneller. In meinem Hirn kämpfen die Mächte. Die eine Stimme sagt: "Das ist zu schnell, das hälst du nicht 1000m durch", die andere "da vorne links um die Ecke und dann kann's nicht mehr weit sein". Die ganze Zeit warte ich darauf, dass Kirsten wieder vor mich läuft aber ich bleibe vorne. Nach 02:18'17" gehe ich ins Ziel, das entspricht einem Schnitt von 5'32". Um meiner Traumzeit im Marathon näher zu kommen, hätte ich zwar zwischen 5'20" und 5'25" laufen sollen aber wenn man mal bedenkt, dass ich fünf Tage vorher noch einen fiebrigen Infekt hatte, dann muss ich die Hoffnung noch nicht aufgeben. Es sind ja noch sechs Wochen Zeit!
Die siebzehnte Woche - Wie? Gar nicht krank nach dem Wettkampf?
Was ich aus Bellheim mitgenommen habe, sind neben dem guten Gefühl, kurz vor'm Ziel zu überholen statt selbst überholt zu werden, schwere Beine. Meine Oberschenkel sind gelinde gesagt lustlos. Nichtsdestotrotz tragen sie mich schon am Montag wieder 10,5 km an der Alb entlang. Ich bin ein wenig unschlüssig, ob ich zur Verbesserung meines Lauftempos statt langsame nur noch mittlere Einheiten laufen sollte und suche Rat bei Agnes. Agnes meint, man könne gar nicht langsam genug laufen und dass die Geschwindigkeit nun allein über die schnellen Einheiten am Mittwoch wachsen würde. Das ist zwar nicht wirklich einleuchtend aber wozu hat man denn seine Trainer. Entsprechend schließe ich mich am Mittwoch der 5:20'er Gruppe an und nehme befriedigt zur Kenntnis, dass mir dieses Tempo neuerdings nichts mehr anhaben kann. Dennoch ziehe ich mir sofort nach dem Lauf meine Trainingsjacke über und sehe zu, dass ich nach Hause und unter die Dusche komme.
Am Donnerstag bekomme ich die Dusche direkt beim Laufen mitgeliefert. Schon am Morgen schüttet es so, dass man keinen Hund vor die Tür schicken möchte aber der Kindergarten kommt ja schließlich nicht zu uns. Wenn ich ohnehin hinaus soll, überlege ich mir, kann ich auch gleich meine Laufklamotten anziehen und anschließed rennen gehen. Gesagt, getan. Erstaunt stelle ich fest, dass mir der Regen egal ist. Mit Trainingsjacke und Baseballkappe gehe ich mit den Kindern zur Straßenbahn und mache mich direkt vom Kindergarten auf die Piste. Im Hintergrund schimpfen andere Mütter über das Wetter. Eine Stunde laufe ich an der Alb entlang und begegne genau einer weiteren Joggerin. Wir sind schon echt harte Menschen, wir Läufer!
Am Samstag spüre ich noch etwas den Weinkonsum vom Vorabend in meinen Innereien. Wir laufen am Rheindamm entlang und schauen uns das Hochwasser an. Breit isser, der Rhein, und ziemlich braun. Aber so richtig bedrohlich schaut das nicht aus. Wir laufen gut 18 km in knapp zwei Stunden, und das ist ohne größere Probleme machbar. Nach einer kurzen regenerativen Einheit am Sonntag liegt eine deutlich trainingsreichere Woche vor mir.
Die achtzehnte Woche - Laufen, duschen, fertig sein
Am Montag steht eine schnelle Einheit über eine Stunde an. Eigentlich laufe ich gar nicht wirklich gern schnell aber immerhin habe ich nach wie vor ein Ziel und dafür heißt es, dann auch im Training mal Gas zu geben. Neben etwa je 1,5 km zum Ein- und Auslaufen renne ich was das Zeug hält die Alb entlang. Zwar wäre ich gern schneller als mein Schnitt von 5'25" gewesen aber mehr geht halt nicht. Zumindest nicht alleine. Hinter einem Schrittmacher herzurennen ist einfacher. Aber anstrengend ist es dennoch und so freue ich mich auf den wohlverdienten Ruhetag.
Leider zu früh, denn so schnell gibt es keinen. Weder am Dienstag, noch am Mittwoch oder gar am Donnerstag. Schluck! Sechs Trainingstage am Stück, darunter die eben gelaufene schnelle Einheit und ein Lauf über anderthalb Stunden am Mittwoch Abend. Schon am Dienstag sind meine Beine wenig erfreut über die Stunde, die sie nun immerhin langsam laufen dürfen.
Am Mittwoch spüre ich schon morgens, dass mir eine Pause gut täte. Weil ich mir gar nicht vorstellen kann zu laufen, entschließe ich mich, bereits von zu Hause loszulaufen. So kann ich mich in aller Ruhe locker einlaufen. Es ist unglaublich schwül und sieht nach Regen aus. Ich geselle mich zu der 5'50"er Gruppe, schließlich bin ich ja nicht zu Spaß hier. Ich schwitze wie ein Schwein, es ist unglaublich, dass da immer noch Schweiß nachkommen kann. Die Zeit geht kaum rum. Wir sind schon wieder fast an der Europahalle, als noch ein Viertelstündchen zu laufen ist, also laufen wir daran vorbei und drehen noch hier ein Schleifchen und noch dort eine Runde. Ich halte mich nur noch über Wasser, indem ich alle paar Minuten meinen mit einer mit GPS-Empfänger ausgerüsteter Uhr laufenden Mitläufer frage, wie weit ich schon gerannt bin. Am Ende sind es 15,9 km in ein Bisschen mehr als 90 Minuten. Ich laufe mich auf dem Nachhauseweg langsam aus und bin froh, als ich ins Bett komme.
Leider sind die Kinder am Donnerstag früh wach und (möglicherweise deswegen) nicht gerade harmonisch aufeinander abgestimmt. Bald reißt mir der Geduldsfaden und wir ziehen eine halbe Stunde früher als gewöhnlich los zum Kindergarten. Dann stehe ich wieder da in meinen Laufklamotten und überwinde mich. Viel geht nicht, vorallem was das Tempo betrifft. Was meine Zeit betrifft handelt es sich um einen langsamen Lauf, obwohl ein mittlerer auf dem Plan steht aber vom Gefühl her ist "mittel" eigentlich untertrieben. Dann habe ich es geschafft! Tatsächlich darf im am Freitag ruhen, ehe es dann am Samstag wieder 3 Stunden auf die Piste geht.
Und das geht lässiger denn je! Ein Bisschen frage ich mich ja schon, ob ich größenwahnsinnig bin, als ich mich spontan Gruppe 1 anschließe und es ist schon fast Routine, dass ich zu Beginn der Einheit dem Trainer mitteile, dass ich mich eventuell zurückfallen lassen werde. Doch bis km 27 laufe ich locker leicht, wie noch nie. Das fühlt sich extrem gut an! Mit den folgenden knapp 5 km ist das leider anders aber so ist das nun mal mit Training: das darf auch gespürt werden! Hinterher bin ich zufrieden und stolz - und tatsächlich froh, dass ich statt in den Autositz zu plumsen noch ein wenig auf dem Rad zu strampeln habe, denn einmal ins Auto eingestiegen wäre ich möglicherweise nicht mehr so leicht rausgekommen.
Am Sonntag folgt ein regenerativer Lauf und damit beende ich diesen Laufmonat mit sage und schreibe 32 km zuviel!
