Das Klopapiermonster
Für Sandra zum Geburtstag
"Puh, das war ja gerade noch mal gut gegangen", dachte er sich und sah auf seine Schuhe herunter. Die Mama war sicher nicht begeistert darüber, dass er sie nicht im Flur ausgezogen hatte aber das war einfach nicht mehr möglich gewesen.
Bestimmt war es in diesem speziellen Fall sehr viel wichtiger gewesen, den rettenden Ort ausreichend kurz vor der Katastrophe anzusteuern. Und das war ihm gelungen. Papa meinte ja auch des Öfteren, dass man Prioritäten setzen müsse. Das hier war gewiss eine.
Er war im Garten gewesen, vollkommen versunken in das Spiel, weit weg von allen irdischen Bedürfnissen. Bis diese sich an ihm rächten - und er wie von der Tarantel gestochen ins Haus flitzte.
Ohne vorher die Schuhe auszuziehen. Doch er fühlte sich sehr erleichtert.
Leider gab es da dennoch ein Problem. Und das hing, beziehungsweise hing eben nicht im Toilettenpapierspender. Es gab kein Klopapier an diesem Ort. Um laut nach der Mama zu schreien fühlte er sich ja schon ein bisschen zu alt. Das konnte seine kleine Schwester machen, die brauchte ja noch Hilfe auf dem Klo. Aber er doch nicht. Er konnte schon seine Schuhe selbst zubinden, im Prinzip war er schon genau so weit wie die Erwachsenen, nur dass die das nie kapieren wollten - besonders wenn sie ihm zu völlig überfrühten Zeiten in sein Bett schickten.
Doch nun saß er da und langsam wurde es auch kalt am Po. Ob er doch nach der Mama rufen sollte?
Was Papa jetzt wohl tun würde? Vielleicht würde er ja auch rufen? Wahrscheinlich nicht "Mama" sondern "Schatz", so hieß nämlich die Mama für den Papa und auch der Papa für die Mama. Einem von beiden war wohl kein anderer Name eingefallen aber da nur die beiden sich so nannten, war es bisher noch nie zu einer Verwechslung gekommen. Jedenfalls erinnerte er sich an keine.
Wie sich die Erwachsenen wohl anderswo nannten? Vielleicht sagten die ja alle nur "Schatz" zueinander? Ob er auch mal zu einer Frau "Schatz" sagen würde? Am Ende sogar zu Ulrike von gegenüber, die ihn gestern mit Sand beworfen hatte, nachdem er "Pute" zu ihr gesagt
hatte? "Pute" passte definitiv besser zu ihr als "Schatz", weshalb er diesen Gedanken sogleich wieder verwarf und beschloss, dass er die "Schatz-Frau" zu einem späteren Zeitpunkt treffen würde.
Vorher musste er aber unbedingt noch mal seinen Freund Kai fragen, wie sich seine Eltern so gegenseitig riefen. Nicht, dass er am Ende zu einer Frau "Schatz" sagte und das war dann total unangemessen. Das Ausmaß dieser Peinlichkeit war schier unvorstellbar.
Die Tür ging auf und im Türrahmen erschien die Mama.
"Na, bist du beim Pipimachen eingeschlafen?", fragte sie und lächelte.
"Papier is' alle", antwortete er.
"Warum rufst du denn nicht?" Die Mama stellte sich auf die Fußspitzen und holte eine frische Rolle aus dem Hängeschrank.
"Ich hätte dann schon gerufen", sagte er und nahm das ersehnte Papier entgegen. "Aha", meinte die Mama und ging wieder raus. "Und zieh' deine Schuhe aus!", rief sie noch vor der Tür.
Die merkte aber auch immer gleich alles.
Später war der Papa da und sie aßen gemeinsam zu Abend.
"Wir müssen einkaufen gehen", sagte der Papa, "ist gar kein Klopapier mehr da."
"Aber ich habe doch heute Mittag erst eine neue Rolle hingestellt", entgegnete die Mama, "und im Schrank waren doch noch welche."
"Aber jetzt nicht mehr", meinte Papa und fügte hinzu: "Vielleicht frisst das hier einer."
Die kleine Schwester jauchzte laut auf und klatschte mit ihrem Löffelchen in ihren Teller, in dem sie vorher ihre Beilagen mit der Soße zu einem einheitlichen Brei verrührt hatte. Sie war immer ein bisschen billiger zu unterhalten.
Aber auch er musste grinsen. Die Vorstellung, dass die ganze Familie beim Abendbrot saß und einer von ihnen dabei vor einem Teller Klopapier war schon recht lustig.
Aber die Mama sah das wohl anders.
"Habt ihr mit dem Klopapier gespielt?", fragte sie. Beide Kinder schüttelten den Kopf. "Ihr dürft nicht mit dem Papier spielen und es in die Toilette werfen. Das gibt dann Verstopfung.", fügte sie ermahnend hinzu.
Das wusste er ja alles schon. In den Anfängen der Selbstversorgung seiner Grundbedürfnisse hatte es schon mal den einen oder anderen Zwischenfall dieser Art gegeben aber das war ja inzwischen vorbei und daher auch vor der Schwester nicht unbedingt nacherzählenswert.
Außerdem mochte er nicht, wenn sich jemand, der seine Mahlzeiten im Kinderstühlchen einnahm, auf seine Kosten amüsierte. So lieb er das kleine Mädchen ja hatte, er blieb der große Bruder.
Am Abend kam die Mama noch mal an sein Bett und strich ihm über das Haar. "Du sollst wirklich nicht mit dem Klopapier spielen", sagte sie.
"Stell dir mal vor, es muss einer und wir haben kein Papier mehr."
So schwer vorzustellen war das ja nicht und mit dem Gedanken, dass sich heute so ziemlich alles um Klopapier gedreht hatte, schlief er ein.
In der Nacht gab es einen starken Sturm und es regnete. Der Wind riss und rüttelte an dem großen Baum, der vor seinem Fenster stand und die Äste streiften an der Wand vorbei und klopften an die Scheibe.
Doch das war gar nicht der Baum. Der stand ja auch viel zu weit weg von der Hauswand.
Vielmehr kam das Klopfen von einem kleinen Männlein, dass draußen auf dem Fenstersims stand und an die Scheibe klopfte.
Er öffnete das Fenster.
"Das wird aber auch Zeit", schimpfte das Männlein ärgerlich und hüpfte vom Fensterbrett auf den Boden. Ein paar nasse braune Blätter fielen von ihm hinab.
"Was glotzt du so? Siehst du nicht, dass ich nass bin und friere? Ich muss abgetrocknet werden sonst bekomme ich einen Schnupfen und das wäre kolossal katastrophal."
Das sah er ein. Er führte das Männlein ins Badezimmer.
"Hier gibt es Handtücher", sagte er. Doch das Männlein hatte sich bereits anders entschieden. Es angelte nach dem Ende Klopapier, das vom Toilettenpapierspender herunter baumelte und riss mit einem Ruck daran, so dass sich das gesamte Papier entrollte und auf ihn hinab segelte.
"Das dürfen wir nicht. Die Mama wird schimpfen, wenn sie sieht, dass wir mit dem Papier spielen."
"Natürlich wird sie schimpfen", entgegnete das Männlein mit seiner hohen krächzenden Stimme, "Erwachsene müssen schimpfen. Ja weisst du das denn nicht? Wenn Erwachsene nicht schimpfen würden, wären sie nämlich Kinder. Aber weil sie schimpfen, sind sie Erwachsene. Außerdem spielen wir hier nicht." Das Männlein wickelte seinen faltigen Leib in das perforierte Papier.
Die Korrelation von Erwachsenheit und Schimpfzwang schien plausibel. Dennoch blieb die Frage, womit man nun den spontanen Verbrauch der allerletzten Rolle begründen sollte. Darüber grübelnd schlief er ein.
Am nächsten Morgen wagte er gar nicht aufzustehen. Die Mama musste zweimal nach ihm rufen. Schließlich stand er doch auf und ging in die Küche. Sein Schwesterchen saß auf seinem Stühlchen und panschte in den Cornflakes. Sie krähte vor Vergnügen, als sie den Bruder erspähte.
Er ging zu ihr hin und streichelte ihre Wange.
"Na Großer, ausgeschlafen?", fragte die Mama. Sie sah kein bisschen schimpfend aus. Vielleicht hatte das Männlein sie verzaubert und sie war wieder ein Kind. Wenn sie aber keins war, würde sie die Geschichte vom Klopapiermonster sicher nicht glauben und viel schlimmer noch: das Erzählen dieser Geschichte brächte die Vermutung nahe, dass er der heimliche Klopapierverschwender sei, der mit solchen Geschichten seinen Kopf aus der Schlinge ziehen wolle. Die Situation war äußerst verfahren. Er setzte sich auf seinen Platz und wartete auf die Dinge, die da kommen sollten. Die Schwester schob sich ungelenk einen Löffel Cornflakes in den Mund, wobei die Milch auf das Lätzchen sabberte.
"Soll ich dir Müsli machen? Mit Banane?", fragte die Mama. Er nickte. Eine Kindermama konnte bestimmt kein Müsli mit Banane machen,
soviel stand fest. Wahrscheinlich war sie nicht verzaubert. Aber warum schimpfte sie nicht?
Er aß sein Müsli.
"Geh' noch mal Pipi machen, bevor wir in den Kindergarten fahren", befahl die Mama und nahm der Schwester das vollgekleckerte Lätzchen ab.
Nun war es also soweit. Er musste zurückkehren an den Ort des Verbrechens und sich den leeren Toilettenpapierhalter begutachten.
Mit hängendem Kopf stieß er die Badezimmertür auf.
Doch welche Ûberraschung! In der Halterung hing ja wieder eine Rolle! Wo die nur her kam?
Jetzt verstand er gar nicht mehr. Vielleicht hatte der Papa schon am Morgen nachgefüllt? Aber womit? Gestern hatte er ja gesagt, es sei nichts mehr da. Sehr seltsam. Doch da kam ihm eine gute Idee: er entrollte ein großes Stück von der Rolle, faltete es sorgsam zusammen und stopfte es in seine Hosentasche. Diesen Vorat würde er in seiner geheimen Schatzkiste im Schrank hinter den Schwimmflossen verstecken. Damit wäre er nun für alle Zeiten gerüstet. Und wenn wieder mal das schrumpelige Männlein bei ihm auftauchen würde, könnte er zum Schrank gehen und das Klopapier herausgeben. Die Eltern und die Schwester würden überhaupt nichts bemerken und er wäre der Einzige, der das Klopapiermonster gesehen hatte.
Zufrieden lief er hinunter und zog sich seine Schuhe an. Die Schwester zappelte schon in ihrem Kindersitz herum. Er kletterte in das Auto und schnallte sich selbst an. Die Mama schloss die Tür und stieg auf der Fahrerseite ein. Als sie losfuhren, stand Ulrike am Gehweg.
Er streckte ihr die Zunge heraus.
