Ultra (von lat.: jenseits)
Am Tag der deutschen Einheit 2010 fand in Kleinkarlbach ein 6-Stunden-Lauf statt.
Vierzehn Tage vorher wusste ich weder von der Existenz des Ortes Kleinkarlbach noch über die wahnwitzige Idee, sechs Stunden lang laufen zu wollen. Wenn das nicht jenseits ist!
Sechs Stunden lang rennen? Ich bin schon nach sechs Stunden Auto fahren völlig fertig! Und doch zog mich das Vorhaben, das mir Ulla und Christoph beim gemütlichen Zusammensein nach dem Badenmarathon erläuterten, in seinen Bann.
Einen Tag später googelte ich mich schlau und fand die Seite des Lauftreffs Weisenheim am Berg. Ich gab mir einen Ruck und meldete mich per E-Mail an. Die Organisatorin Gabi Gründling bestätigte meine Anmeldung und teilte mir mit, dass ich soeben den letzten Startplatz ergattert hätte. Es folgten weitere aufmunternde E-Mails, meine Bedenken verflogen und ich hatte das Gefühl, als würden wir uns schon ewig kennen.Zur Sicherheit erzählte ich meiner Familie nichts weiter von meinen Plänen, als dass ich am Feiertag „zu einem Lauf“ wolle. Ich fürchtete, sie würden mich für verrückt erklären.
Ich hatte keine Ahnung von Ultraläufen. Die Veranstaltung war mit 70 Startplätzen ja eher familiär, ein daumendickes Infobüchlein wie bei Marathon-Massenveranstaltungen brauchte ich demnach nicht zu erwarten. Also packte ich einen Beutel mit dem Nötigsten: einem ganzen Berg Energieriegel und -gels und - zur Sicherheit - meinem MP3-Player, denn sechs Stunden schienen ohne ihn nicht überlebbar. Zusätzlich mixte ich mir einen Liter Kohlenhydrat haltiges Sportgebräu aus Instantpulver, denn ich rechnete mit dem Schlimmsten- Entkräftung, Dehydrierung oder unerträgliche Muskelschmerzen hatte ich mir bereits in leuchtenden Farben ausgemalt.
Dass mein Navi Kleinkarlbach im Sortiment hatte, deutete ich als gutes Omen und fuhr meinem Abenteuer entgegen.
Zugegeben, Kleinkarlbach ist nicht gerade eine Weltmetropole, aber dennoch verfuhr ich mich auf der Suche nach einem Parkplatz und verlor dadurch wertvolle Zeit. Ich entschied mich für den Kundenparkplatz einer Schreinerei (mit einer Kundenschwämme würde am 3. Oktober ja nicht gerade zu rechnen sein) und fand dann schnell den Ort des Geschehens. Viel Zeit hatte ich nicht mehr, also deponierte ich rasch meinen Überlebensbeutel auf einem Tisch links der Verpflegungsstelle und nahm noch mal einen tiefen Schluck aus der Sportflasche.
Eigentlich wäre ich gern noch mal zur Toilette gegangen und meine Schuhe hätte ich auch neu schnüren können, doch da begann schon Peter Gründling mit seinen einleitenden Worten. Vor Nervosität konnte ich mich gar nicht auf seine Ausführungen konzentrieren. Nachdem ich bislang nie länger als viereinhalb Stunden auf der Marathonstrecke unterwegs gewesen war, bedeuteten sechs Stunden lang zu laufen ohnehin anderthalb Stunden zuviel Information für mich. Ich bekam lediglich mit, dass die Gemeinde Kleinkarlbach die Turnhalle kostenfrei zur Verfügung stellte und, dass Läufer den Erntemaschinen der Winzer definitiv unterlegen seien. Ansonsten hieß es, einfach rennen. Und dann kam der Startschuss.
Ich schaltete meinen Garmin an und trabte den anderen Läufern hinterher. Das war der erste wesentliche Unterschied zu meinen bis dato erlebten Starts: hier schien es niemand eilig zu haben. Die Leute hier wussten offenbar, wie man sich sechs Stunden einteilen musste. Ganz anders als beim Radmarathon im Rahmen des 3daysiron im heißen Juli, wo ich Dank meiner Kräfte einteilenden Strategie bereits nach km 8 mutterseelenallein fuhr.
Im Gegensatz zu Ulla, die schon Erfahrung mit Ultraläufen gemacht hatte, hatte ich im Vorfeld das Höhenprofil der Route studiert und ahnte, dass dieser Lauf eine enorme Herausforderung bedeuten würde. Außerdem war traumhaftes Wetter vorhergesagt - mit über 20°C traumhaft für die Zuschauer. Erhofft hatte ich mir 50 km, aber Berechnungen, zu welchem Zeitpunkt ich wie weit gelaufen sein musste, hatte ich nicht aufgestellt.
Die Runde begann mit einem flachen Stück vor der Grundschule in Kleinkarlbach, wand sich über eine malerische Brücke über einen kleinen Bach und knickte vor einer Holzbank scharf nach rechts ab. Nach wenigen Metern ging es dann steil in die Weinberge hinauf, in denen man etwa 40 Meter oberhalb der Ortschaft rechtsherum auf ebener Strecke wieder zurücklief, um nach einer weiteren Rechtskurve mindestens ebenso steil wie beim Anstieg wieder hinunter zu sausen. Noch einmal rechts und man war wieder auf bestem Wege zur Grundschule. Verlaufen würde sich hier bestimmt keiner. Auch das hatte ich schon anders erlebt: Als ein Wolkenbruch beim diesjährigen Osterlauf in Rheinzabern die Kreidepfeile auf der Straße weggespült hatte und meine Freundin Meli, die den Anschluss verloren hatte, von Anwohnern auf der kürzesten aber leider nicht der Laufstrecke ins Ziel geschickt worden war. Im wahrsten Sinne des Wortes wie ein begossener Pudel hatte sie sich anschließend im Wettkampfbüro aus der Ergebnisliste streichen lassen.
Nach vier Runden war ich auf Betriebstemperatur und wurde ein wenig schneller. Nach drei Stunden war ich nicht mehr in der Lage, auf dem steilen Gefälle vom Weinberg hinunter zu bremsen. Und nun begann ich damit, Leute zu überrunden. Das war natürlich ein tolles Gefühl. Und zu meiner Verwunderung feuerten die mich sogar dabei an. Eine halbe Stunde später schnappte ich im Vorbeirennen an der Zählstation den Satz "Die holt echt auf" auf, aber als ich dann von einer raketengleichen Frau überholt wurde, war mir klar, dass sie gemeint war. Aber egal! Ich war hier seit dreieinhalb Stunden unterwegs und noch tat mir nichts weh und es machte sogar Spaß. Gabi fragte mich, als ich mir an der Verpflegungstelle eine Kartoffel angelte, wie ich das Rundenzählen fände. "Ich bin froh, dass ihr das macht", entgegnete ich ihr, "ich zähl' hier gar nix". Dazu wären meine Gehirnzellen vermutlich nicht mehr in der Lage gewesen.
Zwei Runden später war es mein Name, den die Rundenzähler der Aufholerin zuordneten. Und damit war mein ganzer Ehrgeiz geweckt. Nun kam ich richtig in Fahrt. Nach der Runde mit der vollendeten Marathondistanz hätte ich vor Freude ausflippen können: so weit war ich noch nie in meinem Leben gelaufen! Und ich hatte noch genug Zeit - ich würde 50 km schaffen! Trotzdem hielt ich es für wichtig, beim Vorbeilaufen an den Rundenzählern einen guten Eindruck zu machen, damit mich die Sanis nicht vorzeitig aus dem Rennen fischten.
Doch es ging mir erstaunlich gut. Irgendwann sah ich Ulla vor mir auftauchen. Wie gern wäre ich an ihrer Seite gelaufen, aber die Gute machte es mir nicht gerade einfach. Schließlich erwischte ich sie auf der Gefällstrecke, auf der ich inzwischen allerdings jegliche Kontrolle über meine Füße verloren hatte. Ich raste mit einem "Ich kann nicht mehr bremsen!" an ihr vorbei und ließ sie schallend lachend hinter mir. Sie würde mich schon wieder einholen, wenn ich erst eine kleine Kartoffelpause an der Verpflegungsstelle einlegen würde. Überhaupt: die liebevoll hergerichtete Verpflegungsstelle verdient definitiv erwähnt zu werden. Auch wenn ich mich an den fantastisch aussehenden Kuchen während des Laufs nicht so Recht heranwagte, sah alles sehr appetitlich aus. Irgendwann hatte mir ein Läufer den Tipp gegeben, doch mal von den Pfälzer Grumbeeren mit Salz zu probieren. Nachdem ich zuvor nur Apfelschnitze genommen hatte, griff ich zu. Neben den Äpfeln und Kartoffeln nahm ich jede Menge Wasser, einen Dreiviertel Liter meines Spezialtrunks und zwei Energiegels zu mir. Nach vier, fünf Stunden trank ich auch Cola, konterte aber jeweils mit der gleichen Menge Wasser.
Eine knappe halbe Stunde vor Ende des Laufs drückten uns Kinder Papierfähnchen mit der jeweiligen Startnummer des Läufers in die Hand. Ich griff also im Vorbeilaufen zu und fragte, was ich damit solle. Hier zeigte sich meine mangelhafte Aufmerksamkeit bei Peters Vorrede. Gabi rief mir zu, die solle ich, wenn das Schlusssignal ertöne, dort in den Boden stecken, wo ich gerade stünde. Dann würde die Reststrecke zu den vollendeten Runden ausgemessen und die gesamte Strecke der Läufer ermittelt.
Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich mein Fähnchen zu früh geschnappt hatte. Ein genauerer Blick offenbarte, was ich kaum zu hoffen geglaubt hatte: soeben war ich 50 km weit gelaufen! Hammer.
Gar nicht so praktisch, so ein Fähnchen. Ich rollte das Papier auf und fasste die Fahne nun falsch herum. Durch das Pendeln meiner Arme sah ich aus, als würde ich einen Taktstock schwingen. Ich musste lachen, schloss zu einem Grüppchen auf und sang im Vorbeiziehen "olé, olé-olé-olé, noch vierzehn Minuten, olé". jetzt war ich nicht mehr zu bremsen. In wenigen Minuten würde ich ganze sechs Stunden Lauf hinter mir haben. Ich war glücklich und stolz - ich fühlte mich unverwundbar.
Ich lief mit meinem Taktstock durch's Ziel und rannte weiter. Noch sieben Minuten! Dämlich eingeplant, denn nun musste ich noch einmal die Steigung in die Weinberge bewältigen. Also schleppte ich mich ein letztes Mal hinauf, lief noch ein paar Meter auf der Geraden und dann hupte es unten im Dorf. Die beiden Läufer vor mir und ich schauten uns überrascht an, dann blickte ich auf die Uhr und blieb stehen: Geschafft!!! Ich war sechs Stunden lang gelaufen und hatte dabei über 53 km abgespult. Unglaublich.
Unglaublich schwer gestaltete es sich übrigens auch, mein Fähnchen, das inzwischen eine Dauerwelle aufwies, in den knochenharten Boden zu rammen. Nachdem ich einem interessierten Spaziergängerpärchen Auskunft über unser Treiben gegeben hatte und noch immer an meinem Fähnchen verzweifelte, wurde schließlich der Mann von seiner Partnerin angehalten, mir doch endlich mal zu helfen. Er trug dann wesentlich zum Erfolg der Aktion bei, wobei auch er es sich wohl einfacher vorgestellt hatte.
Die beiden Läufern und ich fanden eine Abkürzung nach unten und glücklicherweise direkt zum Verpflegungsstand. Nachdem Gabi uns Medaillen umgehängt hatte (ich stehe total auf Blech im Ziel, muss ich gestehen), wurden wir sofort aufgefordert, die Verpflegungsstelle zu plündern. Das hatten wir uns wahrlich verdient!
Nach einer sauberen und warmen Dusche (auch das habe ich schon vielfach anders erlebt) fühlte ich mich allerdings wieder als Mutter und sagte daher das im Preis inbegriffene Nudelbuffett und die Siegerehrung ab. Immerhin wusste zuhause ja keiner, wo ich mich schon so lange herumtrieb. Nach einem kurzen Anruf machte ich mich auf dem Weg.
Auch, wenn ich nicht bis zum Schluss dabei war, empfand ich die Veranstaltung rundherum gelungen.
Ich werde sicher wiederkommen.
Veröffentlicht in der ULTRAMARATHON - die Fachzeitschrift für Ultramarathon und offizielles Organ der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V. - Ausgabe 4/2010
Wieso GPS-Unterstützung nicht zu Bestzeiten verhilft
2010 war nicht das Jahr der Marathon-Erfolge für mich. Muss ja nicht sein. Aber nach drei versemmelten Läufen:
| 14.03.10 | Kandeler MA: | 04:07:15 | nachdem ich ab km 33 gegangen war |
| 18.04.10 | MA Deutsche Weinstraße: | 04:31:18 | völlig entkräftet und beim Bergablaufen am Zeh verletzt |
| 15.05.10 | MA Mannheim: | 01:59:01 | nach vernünftiger Aufgabe nach HM, wenige Tage vorher musste ich noch ein Antibiotikum wegen meines Zehs einnehmen |
fragte ich mich schon, wie ich den FIDUCIA Badenmarathon am 19.09.2010 angehen sollte. Obwohl noch immer der Zauber der Qualifikation für Boston in der Luft hing, wog die Erfahrung der mühseligen Zielankünfte bzw. Aufgaben in diesem Jahr schwerer und ich entschied mich dafür, mal wieder gut durch- and anzukommen. Ich startete recht weit hinten im ersten Startfeld und lief nach den ersten 15km immerhin in Sichtweite des 3:59er Ballons. Erreichen konnte ich ihn aber nicht, inzwischen hatte Agnes das Tempo ebenfalls verschärft und ich wollte es auf keinen Fall übertreiben. Außerdem war ich laut meinem Garmin Forerunner 310XT auf bestem Wege, immerhin unter vier Stunden zu bleiben.
Auch nach 40 Kilometern sah es ganz danach aus, so dass ich ganz entspannt unter dem Jubel der Zuschauer ins Ziel lief, die Zeit stoppte und es nicht glauben konnte: ich Eumel hatte 4:00:06 gebraucht. Wie das passieren konnte? Ganz einfach: der Marathon ist nur für die vordersten Läufer 42,195km lang. Alle anderen laufen Zickzack: beim Ausweichen, Überholen und auf der Außenkurve. Daher war mein Marathon erstens länger und zweitens kann mandem Garmin ohnehin nicht blind vertrauen. Die gemessene Strecke war knapp 700m länger als gedacht - und dafür hatte ich keine Zeit eingeplant..
Auf New York folgt... Boston?
Der Boston-Marathon ist der Lauf mit der ältesten Tradition. Er findet jährlich am Patriot's Day, dem dritten Montag im April statt und zählt wie der ING New York City Marathon zu den World Marathon Majors.
Obwohl der Lauf mit etwa 20.000 Startern nur halb so groß wie der New Yorker Lauf ist, ist die Qualifikationszeit für meine Altersklasse deutlich höher - und damit nicht völlig unmöglich: 3:50 sind zu unterbieten. Ob's was wird? 2010 sollte es noch nicht sein.

